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Clearing House Unterricht

Zufällig bin ich die Tage auf das Projekt „Clearing House Unterricht“ der TUM School of Education unter Leitung von Prof. Dr. Tina Seidel aufmerksam geworden und hatte mich ehrlich gesagt gefreut, dass es endlich auch in Deutschland eine solche Initiative gibt. Unter den FAQs der Projektseite findet sich eine Definition zu „Clearing House“, die den Sachverhalt m. E. hervorragend auf den Punkt bringt (und in Wikipedia in Abgenzung zum Clearinghouse im Finanzwesen festgehalten werden sollte), vgl. https://www.clearinghouse.edu.tum.de/faqs/:

Mit dem Begriff Clearing House werden im wissenschaftlichen Zusammenhang Institutionen oder Projekte beschrieben, deren Ziel es ist, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse für zeitgemäßes professionelles Handeln und politisches Entscheiden nutzbar zu machen. Damit verbunden ist zunächst eine Klärungsfunktion (clearing). Durch verbindliche Kriterien wird entschieden, welche wissenschaftlichen Befunde hinsichtlich Qualität und Relevanz geeignet sind, um bei professionsbezogenen oder politischen Entscheidungen berücksichtigt zu werden. Gleichzeitig erfüllt jedes Clearing House eine Disseminationsfunktion. Es werden ausgewählte Befunde so kommuniziert, dass wissenschaftliche und vor allem nicht-wissenschaftliche Anwendergruppen davon profitieren können. Etabliert hat sich das Konzept derzeit vor allem in der Medizin. Dort tragen Clearing Houses entscheidend dazu bei, dass ärztliche Praxis auf aktuell bester wissenschaftlicher Grundlage, das heißt evidenzbasiert, ausgeübt werden kann.

Beim Blick auf vergleichbare Initiativen bin ich u. a. auf das „What Works Clearinghouse (WWC)“ (Untertitel: Find What Works based on the evidence) des Institute of Educational Sciences (IES) / U. S. Department of Education und dessen Gegenentwurf „Evidence for ESSA“ des Center for Research and Reform in Education (CRRE) / Johns Hopkins Universitiy School of Education gestoßen. Wie Jean Stockard in seinem Blogbeitrag „Best Evidence and the What Works Clearninghouse“ erhellend zeigt, wirken sich die zugrundeliegenden Standards und Verfahren der jeweiligen Institutionen zum Teil massiv auf die Ergebnisse aus. So arbeitet etwa das „What Works Clearninghouse“ mit derart anspruchsvollen Qualitätskriterien (Threshold-Ansatz), dass zahlreiche (offenbar hoch relevante) Studien gar nicht berücksichtigt wurden. Entsprechend liegt manchen Ergebnisdarstellungen inkl. Handlungsempfehlung nach Stockard nur eine einzige Studie mit weniger als 150 Teilnehmern zugrunde. Bei „Evidence for ESSA“ hingegen gibt es keine vergleichbaren Qualitätsschwellen. Es wird jede Studie als Auswertungsgrundlage verwendet, die eine Mindesteffektstärke von 0.25 aufweist. Allerdings werden auch bei ESSA Schlussfolgerungen ggf. auch nur anhand einzelner Studien (vgl. Rober Slavin, Evidence for ESSA and the What Works Clearninghouse, Huffingtonpost) und nicht etwa anhand von Meta-Analysen gezogen. Auch die Art der Ergebnisdarstellung ist bei ESSA tatsächlich mehr auf Lehrende im Sinne von Praktikern ausgerichtet. Die Darstellungen des WWC richten sich dagegen trotz vorgeblicher Ausrichtung auf Lehrende  („Our goal is to provide educators with the information they need to make evidence-based decisions.“) wohl eher an Wissenschaftler oder Lehrerbildner mit fundiertem bildungswissenschaftlichem Hintergrund.

Demgegenüber erscheint mir das Projekt „Clearing House Unterricht“ der TUM ein stimmigeres Angebot zu sein. Datengrundlage sind bevorzugt Meta-Analysen und keine einzelnen Studien. Als Adressaten sind Lehrerbildner aller Phasen angesprochen und nicht generell alle Lehrende, wenngleich das Portal selbstverständlich allen Interessenten zur Verfügung steht. Und die Ergebnisdarstellung erscheint mit den Kurzreviews von wenigen Seiten kompakt und gut verständlich einerseits, und bietet für den wissenschaftlich Interessierten andereseits solide Fachinformationen und ausreichend Literaturhinweise.

Ich wünsche der Projektgruppe viel Erfolg, eine lange Projektlaufzeit und werde zukünftig gerne auf das ein oder andere Kurzreview zugreifen :-)

Who should create study plans?

Eigentlich ist mir der Blogbeitrag „Who Should Create Study Plans?“ von Carolina Kuepper-Tetzel auf der Suche nach Entwurfsmodellen zur Gestaltung von TEL ins Auge gesprungen. Nach den ersten Zeilen wurde mir allerdings klar, dass die angesprochenen Study Plans die Studierenden selbst und nicht deren LehrerInnen bzw. Learning Designer adressierten:

Kuepper-Tetzel berichtet von einer Studie von Bonestroo und Ton (2012), bei der gestestet werden sollte, inwieweit sich Lernergebnisse (learning outcome), Motivation und Metakognition von Uni-StudentInnen (zum Thema Statistik Grundlagen, „intro stats knowlegde“) beim Einsatz von selbst erstellten Study Plans im Vergleich zu computer-generierten Study Plans unterscheiden. Grundannahme dabei war, dass sich die größere individuelle Autonomie (durch selbst erstellten Study Plans) auf die Motivation zur intensiven und bedarfsorientierten Beschäftigung mit den Inhalten auswirken und damit die individuelle Zielerreichung („mastery“) besser unterstützen könnte, als dies bei fremd bzw. computer-erstellten Study Plans der Fall sein sollte. Interessanterweise konnten bei der Vergleichsstudie keine Unterschiede beobachtet werden. Sowohl die erhobenen Lernergebnisse als auch die Rückmeldungen zur Motivation wiesen keine signifikaten Unterschiede bzgl. beider Verfahren auf. Als signifikater Unterschied fiel allerdings – neben des deutlich längeren Zeitaufwands für die selbst zu erstellenden Study Plans – die Selbstwahrnehmung der Studierenden auf, die bei selbst erstellten Study Plans den Eindruck eines intensiveren Wissenserwerbs hatten, was sich allerdings in den anschließenden Assessments nicht messen ließ (vergleichbare Lernergebnisse).

Wer sollte also Study Plans erzeugen – die Studierenden selbst oder der Computer? Da sich in der Vergleichsstudie kein klarer Sieger bzgl. der Dimensionen Lernergebnisse und Motivation herausstellte, scheint es irrelevant zu sein, ob Studierende ihren Lernweg selbst- oder fremdgesteuert verfolgen, auch wenn sie einen der Wege (ggf. irrtümlich!) als wirksamer wahrnehmen sollten. Bei ausschließlicher Fokussierung auf die Lernergebnisse, scheint der computergenerierte Study Plan die v. a. zeitökonomischere und damit effizientere Variante zu sein. Würden ergänzend aber noch andere Dimensionen betrachtet, wie etwa die Fähigkeit zur Selbstorganisation, sollten die selbst erstellten Study Plans – gerade bei ansonsten gleiwertigen Lernergebnissen – den höheren Zeitaufwand über eine deutliche Stärkung der Selbstorganisationsfähigkeit wieder wettmachen. Allerdings sind dies auch von meiner Seite nur kursorische Einschätzungen, da ich die Studie selbst nicht gelesen habe und Kuepper-Tetzel zudem einige Einschränkungen anführt, weshalb die Studienergebnisse nicht unbedingt als generalisierbar gelten können.

Welche Erkenntnis ziehe ich aus diesem Beitrag für das Design for TEL? Über die Überschrift und meine ursprüngliche Erwartung an den Beitrag ertappte ich mich in meinem vorrangigen Design-Denken aus Perspektive des Lehrers und (bewussten oder unbewussten) Gestalters von Lernarrangements. Ist die Stärkung der Selbstorganisationsfähigkeit mit Zielsetzung eines Lernarrangements, wie es im übertragenen Schulkontext (insbesondere vor dem Hintergrund der Kompetenzorientierung) der Fall sein sollte, muss dies beim Design for TEL berücksichtigt werden. Dies könnte nun heißen, dass es (1) Phasen des Designs abzubilden gilt, die den LernerInnen deutlich mehr Autonomie (z. B. bei der Auswahl oder Beabeitungstiefe von Lernunterlagen oder der bevorzugten Sozialform und gleichzeitiger Klarheit der zu erreichenden Lernergebnisse) einräumen. Zum anderen könnte dies auch heißen, dass (2) Phasen des Designs von den LernerInnen schon im Entwurf mit gestaltet werden, also eine Art partizipatives Design for TEL erfolgt. Beide Varianten finde ich spannend und bzgl. einer möglichen Abbildung über Design Languages herausfordernd zugleich.

 

Flipped Classroom – mein erstes Halbjahr

Ich habe großes Glück, denn an meiner Schule habe ich mit Sebastian Schmidt (vgl. www.flippedmathe.de) einen der aktuell bekanntesten Flipped-Classroom-Experten unmittelbar vor Ort. Klar haben wir uns gleich zu Beginn des Schuljahrs 2016/17 vorgenommen, sein FC-Konzept gemeinsam mit einem weiteren Kollegen in Mathematik in der 6. Jahrgangsstufe (3 Klassen) parallel zu erproben, uns zu den Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen, Entwicklungsbeiträge einzubringen etc. Nach nun einem halben Schuljahr möchte ich einen ersten Blick zurück werfen und meine Erfahrungen dazu reflektieren.

Abb. 1: Ausschnitt aus mebis-Kurs M6 Schmidt

In einem initialen Meeting zu Beginn des Schuljahres (Mitte Sept. 2016) sprachen wir uns zum gemeinsamen Vorgehen ab. Sebastian würde uns auf mebis (= zentrale Lernplattform für alle bayerischen Schulen, angepasstes Moodle) seinen Kurs zur 6. Klasse Mathematik bereitstellen. Hier lagen bereits einige Themen des Jahresstoffs von ihm aufbereitet mit Videos und Aufgaben vor. Für die übrigen Themen (insbesondere die ersten Mathethemen des Schuljahres) würde zunächst er die Verantwortung übernehmen, also neue Videos, zugehörige Aufgaben, Lösungen und Tests bereitstellen, und wir könnten dann, sobald mit dem neuen Verfahren vertraut, produktiv im Sinne zukünftiger Arbeitsteilung einsteigen.

Nach Schmidts Empfehlung ließ ich meine Schüler erstmal den sinnvollen Umgang mit Mathe-Erklärvideos erkunden und erläuterte, warum nicht ich selbst die Videos einspielte. Dann schauten wir uns in 2-3 Folgestunden – statt einem Lehrervortrag meinerseits – die zugehörigen Instruktionsvideos von Schmidt im Unterricht an, im Multimediaraum jeder Schüler mit Kopfhörer für sich und im Klassenzimmer mittels Beamer und Laptop zentral projiziert. Die Anfertigung der zugehörigen Hefteinträge (= Abschlussbilder der jeweiligen Instruktionsvideos) gab ich als Hausaufgabe auf und die Schüler sollten im Unterricht gleich mit den zugehörigen Übungsaufgaben nach differenzierten Leistungsgruppen beginnen.

 

Abb. 1: Ausschnitt aus mebis-Kurs M6 Czaputa

Nach einigen (technischen und konzeptionellen) Anlaufschwierigkeiten wollte ich dann auf das volle FC-Prinzip umschalten und gab den Schülern schließlich die Videos mit Anfertigung des Hefteintrags als Hausaufgabe auf. Leider holperte es hier an unterschiedlichen Stellen und ich war überhaupt nicht zufrieden:

  • Die Schüler fertigten die Hefteinträge nicht sorgfältig genug an, d. h. bei nicht wenigen fehlten u. a. wichtige Hinweise, Zeichen, Hervorhebungen des ins Heft zu übertragenden Abschlussbildschirms.
  • Noch problematischer war, dass viele Schüler die im Video vorgestellten Inhalte und Konzepte nicht ausreichend erfasst hatten und in der anschließenden Unterrichtsstunde, in der ich gleich zum Üben in Kleingruppen übergehen und nicht (insbes. für die Bequemen) mit der wiederholt zusammenfassenden Darstellung der neuen Inhalte starten wollte, überfordert waren.
  • Auch die sog. „Mathehelfer“, d.h. einige Schüler, die sich als Unterstützer bei den Gruppenarbeiten begleitend zu mir als Lehrkraft engagierten, waren teilweise überfordert.
  • So eilte ich von Tandem zu Tandem, unterstützte, erklärte – doppelt, dreifach, das Gleiche.
  • Die Gruppenarbeitsphasen wurden zu laut und aufgrund des mir zu Beginn noch fehlenden WLAN-Routers (über den die Schüler dann später ihre Smartphones nutzen, also ihre Übungen mit den Lösungen vergleichen, sowie sich Ausschnitte der Videos erneut ansehen konnten, was sich als enorm wichtig für das selbstständige Fortschreiten und eigenständige Kontrollieren herausstellte), sah ich im Klassenzimmer nur die Möglichkeit, zur zentralen Disziplinierung und frontalen Unterweisung zurückzukehren.
  • Einige Stunden lief es dann so, dass ich die Inhalte der Videos (die zu Hause anzusehen waren) nochmals mit den Schülern im Unterrichtsgespräch zusammenfassen ließ, bei Bedarf mit Beispielen sowie ergänzenden Erläuterungen versah, und dabei manchmal fasst genauso lange benötigte, als wenn ich die Inhalte (zwar nur fragend-entwickelnd, doch immerhin) selbst mit den Schülern erarbeitet hätte.
  • Zudem führte Sebastian (u.a. aufgrund des häufiger aus fachdidaktischer Richtung erhobenen Vorwurfs, seine Videos würden nur das Lernen durch Exposition, kaum aber das entdeckende Lernen fördern)  neue Kurzvideos von ca. 2-3 min mit einer initialen Problemstellung zur Erschließung eines neuen Themas ein, die er den jeweiligen instruktionalen Erklärvideos von ca. 5-8 min vorschaltete (bei ihm Videoname (Aufgabe) genannt). Sein Vorschlag war es nun, diese Problem-Videos als Hausaufgabe aufzugeben und dann in der Folgestunde Problemlösungen von Schülern vorstellen, diskutieren und auswerten zu lassen, um schließlich die neuen Inhalte und Konzepte vorzustellen. Bei dieser Abfolge sollte das Erklärvideo dann nur mehr als Ergänzungsangebot sowie zur Bereitstellung des Hefteintrags (Videoabschlussbild) zur Verfügung stehen, da die neuen Inhalte ja unmittelbar im Unterricht erläutert wurden. Mit dieser Umstellung – wollte ich doch das FC-Konzept ersteinmal grundlegend in der Praxis nachhaltig umsetzen – kam ich dann nicht gut zurecht. Ich erinnere mich noch genau, wie mich diese vom Videoprofi Sebastian Schmidt souverän gelebte und vertretene, situativ je nach Bedarf variierende Nutzung dieses Mediums (als Problemstellungsvideo, als Erklärvideo, zudem noch von Schülern produzierte und bereitgestellte Erklärvideos für ihre Peers, mittlerweile auch als Video mit den Ablauf unterbrechenden Fragen (mittels H5P) – und dies wiederum als Hausaufgabe, oder während des Unterrichts, als reines Backup gedoppelt zur unterrichtlichen Unterweisung u. a.) anfänglich irritierte und irgendwie auch verärgerte, weil vermutlich auch überforderte. „Das ist ja überhaupt kein echtes Flipped-Classroom-Konzept mehr, wenn ich nur mehr die Problemstellung als Video bereithalte und dann die neuen Inhalte wieder frontal im Unterricht erkläre – vielleicht noch den zugehörigen Hefteintrag zu Hause über das Abschlussbild des Videos anfertigen lassen“, wand ich mich bisweilen unverständig an ihn.
  • Nicht zuletzt hat erfahrungsgemäß jede Lehrkraft ihre eigene Vorstellung der fachdidaktisch favorisierten Wege zur Entwicklung der fachlichen Kompetenzen. Da schon im Bereich der Arbeitsblätter kaum eines unverändert Eingang in den Unterricht einer anderen Lehrkraft findet, so schlossen auch manche Videos die Themenstellungen didaktisch nicht so auf, wie ich es gerne nach meinem Gusto gemacht hätte. (Hier half mir auch der Hinweis einer Gymnasialkollegin, die mit einem Lehrerteam ganze Jahrgangsstufen ihrer Schule mit eigens entwickelten Selbstlernmaterialien ausgestattet hatte, und der ich ebendiese Frage gestellt hatte: „Wie kommt ihr damit zurecht, dass anhand der Selbstlernmaterialien alle Lehrkräfte sich auf einen gemeinsamen didaktischen Weg einigen müssen?“ Sie antwortete: „Diesen Tod muss man sterben, wenn man das gemeinsame Ziel, die kooperative Gestaltung einer Lernumgebung für selbstgesteuertes Lernen, erreichen möchte.“).

Ich brauchte tatsächlich eine ganze Reihe klärender Gespräche mit Sebastian, sowie einige Erprobungs- und Erfahrungsphasen, um mit der von ihm übernommenen Kursstruktur in mebis, seinen unterschiedlichen Video-, Aufgaben- und Test-Bausteinen, und nicht zuletzt der Integration der Schülersmartphones im Mathematikunterricht (inkl. WLAN-Router unterm Lehrer-Arm – wie mein Kollege Schmidt tagtäglich) ein neues Unterrichtsverständnis in Verbindung mit dem FC-Prinzip zu entwickeln.

Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass ich nach einem halben Schuljahr an einem für mich sehr zufriedenstellenden Punkt mit der Umsetzung des FC-Prinzips angelangt war. Die oben beschriebenen Problempunkte lösten sich wie folgt bzw. bekam ich wie folgt in Griff:

  • Ich kontrollierte die Hefteinträge häufiger und sammle die Schülerhefte 1 x im Halbjahr zur umfangreichen Korrektur und Rückmeldung (inkl. kleiner Bewertung) ein. Weiter suchte ich (auch hier auf die Empfehlung von Schmidt zurückgreifend) sofort das Elterngespräch, sobald Schüler sich bzgl. der Hefteinträge und auch der schulischen Gruppenarbeitsphasen nicht anstrengten. Die Führung der Schülerhefte besserte sich mittlerweile soweit, dass ich weitgehend zufrieden bin.
  • „Das Konzeptverständnis zu neuen Inhalten wächst und vertieft sich mit der Anwendung und dem Diskurs zugehöriger Aufgaben und Problemstellungen.“ – so die Auffassung und Erfahrung von Schmidt. Ich sah und sehe dies sicherlich ebenso – nicht zuletzt kennt jeder Mathematiker diese Erfahrung aus dem eigenen Studium. Doch war mir die Phase der vertiefenden konzeptionellen Elaboration im Unterricht (sowohl durch die Stärkung des explorativ entdeckendem Lernens, als auch durch die umfangreichere Beschäftigung z. B. mit kontrastierenden Beispielen) weder über die kompakten Erklärvideos, noch über die dann in der Übung anstehenden Aufgaben in ausreichender Weise gegeben, so dass ich im Folgeunterricht immer noch nachfasste und „nachthematisierte“. Als Lösung folgte ich einfach mal der Schmidtschen Erfahrung und stellte fest, dass die Schüler sich schon gemeinschaftlich durch die Probleme und Aufgaben „durchwühlen“ und dabei ebenso ihre mathematischen Konzepte entwickeln (über individuelle Konstruktion und Ko-Konstruktion). Auch die Schüler haben gelernt, nicht bei jeder neuen Aufgabenanforderung nach einen „Schuhlöffel“ oder „Instant-Verständnis-Helfer“ zu fragen, sondern sich mal eigenständig mit neuen Anforderungen auseinanderzusetzen. Darin sehe ich eine der überzeugendsten Früchte eines wie oben interpretierten und umgesetzten FC-Konzepts. Dass hierbei dann auch mal eine ganze Reiche falscher Dinge in den Heften stehen können, somit ein laufendes Herumgehen und Beraten von Seiten der Lehrkraft erforderlich ist (im Übrigen schreiben meine Schüler im Übungsheft ausschließlich mit Bleistift), ist eben dann die neue Aufgabe der Lehrkraft. Als gute Hilfe hat sich hier dann die Schmidtsche Empfehlung erwiesen, die Schüler ihre Aufgaben mittels der bereitgestellten Lösung kontrollierten, ggf. verbessern und abschließend mit grünem Häckchen kennzeichnen zu lassen, so dass die Lehrkraft beim Durchgehen stets den aktuelle Kontroll- und Verbesserungsstand einsehen kann.
  • Auch die Unterstützung mit den Mathehelfern (ca. 4 pro Klasse, wechselnd alle paar Wochen) läuft besser, wobei manche schon klagen, dass sie aufgrund der bisweilen häufigen Anfragen wenig selbst zum Weiterarbeiten kommen. Von daher sind häufigere Wechsel zukünftig nötig.
  • Die WLAN-Bereitstellung und Nutzungsmöglichkeit der Schülersmartphones zum Aufruf der Lernplattform mit den Videos, Aufgaben und Tests hat sich als zentraler Schlüssel zur Differenzierung und damit zur Beruhigung der Schüler- und Gruppenarbeiten erwiesen. Jeder Schüler und jedes Tandem kann nun an jenen Stellen weiterarbeiten, an denen Bedarf besteht.  Dazu gehört auch, dass manche Schüler deutlich schneller voranschreiten als andere. Diese können wiederum bevorzugt als Mathehelfer zum Einsatz kommen. Eine weiter Differenzierungsmöglichkeit, die Schmidt im mebis-Kurs vorsieht, sind 3 Aufgabengruppen mit unterschiedlicher Aufgabenauswahl aus dem Schulbuch. Die erste Gruppe ist für die leistungswilligsten Schüler („all jene, die eine 1 im Mathe wollen“) und umfasst die meisten bzw. schwierigsten Aufgaben. Die zweite Gruppe ist für die mittlere Gruppe, die eine 2 oder 3 in Mathe wollen mit mittlerem Schwierigkeitsgrad, und die letzte Gruppe ist mit einer 4 in Mathe zufrieden und stellt sich nur dem grundlegenden Schwierigkeitsgrad und Aufgabenumfang. Die Schüler dürfen sich stets selbst einer Gruppe zuordnen und die entsprechenden Aufgaben bearbeiten. Auch dies sorgt wieder für ein gewisse Zufriedenheit und Motivation (es grüßt die Selbstbestimmungstheorie nach Deci/Ryan).
  • Die Struktur von Schmidt hatte ich in meinem mebis-Kurs nur geringfügig geändert (siehe Abbildung unten) und mittelfristig bin ich doch (zunächst) auf die volle Flipped-Classroom-Variante aufgestiegen, so dass die Schüler die Instruktionsvideos zu Hause ansehen und ggf. zuvor das Eröffnungsproblem bedenken. Das explorative / entdeckende Lernen gibt es dann stundenweise mal, wenn ich von den Videos abschwenke, den Präsenzunterricht mal mit einem Arbeitsblatt fragend-entwickelnd, mit einem Spiel oder über eine weiterführende im Team zu bearbeitende Aufgabenstellung mit Zusammenfassung im Plenum gestalte und dabei meinen bisher üblichen FC-Rhythmus aufbreche. Die Schmidtsche Virtuosität in der äußerst variablen und variierenden Nutzung der Videos habe ich noch nicht erreicht. Vielleicht bin ich dazu aber auch kein so fokussierter Video-Fan ;-).
  • Den „Tod“, mit den Videos auch ein großes Stück der Unterrichtsdidaktik des Videoerstellers zu übernehmen bin ich „gestorben“. Hundertprozentig zufrieden bin ich damit natürlich nicht, doch sind a) viele der Videos von Schmidt dann doch stimmig aufgebaut und ansprechend gemacht (so dass es gar nicht so viel zu mäkeln gibt) und b) der Job als stellvertretender Schulleiter dann doch kaum Spielraum lässt, wirklich selbst produktiv einzusteigen, so dass ich um die Videos von Schmidt und seine Teilgeberbereitschaft (auch all seiner Erfahrungen…) äußerst dankbar bin.

Worin liegen für mich also die bisher auffälligsten Früchte und Erfahrungen in der Umsetzung des FC-Konzepts nach dem Vorbild von Sebastian Schmidt?

  • Hierin sehe und erfahre ich in gelingender Weise den erforderlichen Wandel vom Unterrichten zum Gestalten von Lernumgebungen, wie er u. a. schon von Reinmann/Mandl (2006) pointiert wurde. Und hier sehe ich noch enormes Potenzial, denn die Lernumgebung, die mittels der Videos und vergleichsweise simplen Bereitstellung einer einfachen Aufgabenauswahl aus dem Schulbuch mit zugehörigen Lösungen und ggf. ein paar Moodle-Tests, könnte durchaus noch weitere Unterstützungselemente beinhalten. Ich denke sicherlich an die noch nicht abgebildetete Zielebene (etwas in Form von Kompetenzrastern) mit zugeordneten Lernjobs; ich denke an mehr Modellierung und Scaffolding beim Erwerb erwünschter Fertigkeiten (d.h. die stärkere Differenzierung zwischen Konzepten und Fertigkeiten sowie die unterschiedliche Unterstützung beim Erwerb dieser); ich denke an mehr Feedbacks zum aktuellen Schülerleistungsstand über mehr formative und diagnostische Tests; Feedback, Feedback, Feedback – von Peers, eigenen Schülern, ihren Lehrern und zukünftig einem Lernpartner Computer.
  • Was mich am meisten begeisterte in den vergangenen Wochen, ist die auffällig wachsenden Selbstständigkeit im Lernen und Arbeiten der meisten Schüler. Dies ist eine der sichtbarsten Früchte dieses Konzepts – auch und insbesondere auffallend in Vertretungsstunden, in denen viele Schüler gemäß Rückmeldung der betreffenden Vertretungskräfte ebenso konzentriert ihre Tandem- und Kleingruppenarbeiten fortsetzten, als wenn die Fachlehrkraft anwesend wäre.
  • Da ich nur fremde Videos (Sebastian Schmidt) einsetzte, bestand und besteht die Gefahr, sich die Konzeptvermittlung nicht ebenso wie im Video dargestellt anzueignen, und evtl. die Schüler dann mit alternativen Herangehensweisen oder Beispielen zu beraten, was natürlich nicht ideal ist. Auch ist der Grad der Identifikation mit der didaktischen Strukturierung nicht so groß, wie wenn man seine Videos selber erstellt und die Reihenfolge ggf. anders angelegt hätte. Hier liegt eine gewisse Schwächung des Konzepts, sofern man als Lehrkraft sehr von der inneren fachlichen Begeisterung lebt. Nährt man dagegen seine Begeisterung mehr aus den sichtbar werdenden (weil viel mehr noch im Unterricht begleitbaren und beobachtbaren) Lernerfolgen und der wachsenden Selbstständigkeit der Schüler, so kann man diesen „Tod“ durchaus sterben. Ideal ist es vermutlich, wenn sich Lehrerteams mittelfristig zusammentun und vor der Videoproduktion Konsens über die didaktische und fachdidaktische Strukturierung und Herangehensweise zu den einzelnen Themen und Kompetenzbereichen herstellen. Da diese Zeit im Unterrichtsalltag häufig nicht gegeben ist, bildet das gewählte Schulbuch und seine Struktur / Schwerpunktsetzung meist den kleinsten gemeinsamen Nenner.
  • Weiter bin ich nach wie vor überzeugt, dass es sich lohnen würde, unterschiedliche Zielebenen beim Einsatz des FC-Konzepts differenzierter zu betrachten und durchzubuchstabieren (bzw. entsprechend zu fokussieren und zu evaluieren). Einerseits habe ich noch viele Aspekte des wirklich meinen ursprünglichen Mathematikunterricht komplett verändernden Sinus-Transfer-Fortbildungsprogramms im Blick, die ich (noch) nicht mit dem FC-Konzept gelingend verbinden konnte. Hier beispielsweise den Aspekt der Verbalisierung (mathematisch argumentieren) in den Blick zu nehmen und unter Berücksichtigung des FC-Konzepts dessen Stärkungsmöglichkeiten auszuloten (wie er beispielsweise mit der sog. „Hausaufgabenfolie“ oder dem Lerntagebuch umgesetzt wurde). Oder Aspekte des Classroom-Managements und des formativen Feedbacks bzgl. evtl. Korrelationen mit Merkmalen des FC auszuloten. Methodisch denke ich hier vor allem an die Aktionsforschung, mit der wir als Lehrkräfte selbst auch aktiv werden können.
  • Zu guter letzt bleibt mein Interesse beim Design for TEL und somit bei den Unterrichtsentwürfen auch für didaktischen Arrangements des FC-Konzepts. Aufgrund der oben beschriebenen Erfahrung ist mir wieder äußerst deutlich geworden, dass ein wie auch immer geartetes Symbolsystem, wie es etwa im Learning Design oder in verschiedenen Pedagogical Plannern (u. a. LAMS, London Pedagogical Planner, Phoebe Pedagogical Planner, Learning Design Support Enviornment) vor Augen stand und steht, niemals die für das komplexe Verständnis und die Umsetzung eines didaktischen Arrangements notwendige Erfahrung abbilden oder transportieren kann, und somit immer zu abstrakt bleiben muss, um unmittelbaren Nutzen für seinen Leser bringen zu können. Nur auf Basis geteilter Erfahrung ist eine abstrahierende Kommunikation über entsprechende Symoblsysteme möglich, innerhalb von FC- bzw. ICM-Communties etwa. Für mich persönlich war ein Puzzle aus unterschiedlichen Geschichten, Hilfestellungen, Erfahrungsblöcken notwendig, um das zugehörige Unterrichtsverständnis zu erlangen. Wie muss oder kann dann eine entsprechende Dokumentation einer FC-Unterrichtssequenz aussehen?

Ich werde mich sicherlich weiter mit diesem Konzept und Unterrichtsprinzip beschäftigen. An dieser Stelle nochmals vielen herzlichen Dank an Sebastian Schmidt, der diese Erfahrungswirklichkeit an unserer Schule initiiert hat und äußerst kollegial unterstützt!